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Banause 15. Juni 2007

Posted by diezynischesicht in Kultur, Leben.
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„Nein, was für ein gar wunderbares Stück!“, entfährt es ihr voller Verzückung. Er steht daneben, legt den Kopf schief. „Äh, ja. Nett.“ Der Künstler hat braunes Packpapier mit vielen schwarzen Strichen so verziert, dass es aussieht wie eine Mann-Pferd-Symbiose. Oder einfach nur wie das Gekrakel eines Kindergartenkindes.

Sie gehen in die nächste Galerie. Und in die übernächste. Und die danach. Aus der flüchtet er nach 10 Minuten vor die Tür. Setzt sich auf eine Bank. Sie ist aus Holz.

Nie hat er einen Zugang zu dem gehabt, was landläufig unter „Kunst“ firmiert. Operetten sind grauenhaft, Oper schreckliches, gestenüberladenes Gekreische. Theater lebt von der Einbildungs- und Ausblendungskraft. Filme sind eine weitere Form, die ihm nicht zusagt. Klar, kann schonmal ins Kino gehen und sich 90 oder 120 Minuten mit einem miserablen Plot, Popcorn und Bier abfüllen. Noch schlimmer: Kunstfilme! Die übelste Erfindung nach dem Tanz- und Musikfilm.

Er sitzt noch immer auf der Bank. Vielleicht auch sie ein Kunstwerk? Tatsächlich, da klebt eine kleine Plakette.

Er versteht es nicht. Was soll das ganze Gerede? Kunst ist in erster Linie ein Betrieb. In dem man sich jeden Tag zu einer anderen Galerieeröffnung oder Vernissage, sprich: Schnittchen und frei Saufen, trifft. Das ist eingepreist.

Ein bisschen ästhetisch nachempfinden kann er. Gewisse Bilder von Cezanne oder Macke findet er hübsch. Manche Fotografien interessant. Aber mit Rembrandt-Schinken, Putten, Klees Kleinfeldbildern oder Warhols Suppendosen ist genausowenig übereinzukommen wie mit Ballett, Immendorff und Kubismus. Am schlimmsten aber sind Scherenschnitte und Zwiebeldrucke. Kotzen möchte er dann. Durch und durch eine Banause, so wie er da auf der Bank sitzt. Und sich nicht einmal schlecht fühlt, sondern sich nur über seine Mitmenschen wundert, denen Kunst ach so viel gibt. Sie wird irgendwann auch wieder aus der Galerie herauskommen.

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Kommentare»

1. N. - 22. Juni 2007

100% ack. Vielleicht liegt es in den Genen von sowas verzückt zu werden oder nicht.


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